Brian Wilson  surfs up

                                from belbranova

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Marilyn Monroe  I Wanna Be Loved By You

                                          from LidyPM

Anatol hatte eine Liebe mit schwarzen Haaren. Sie verließ die Stadt, als sie schwanger war. Ohnmachten waren vorausgegangen, und kein Wort von Anatol. Von der Familie beraten, von Motke zu Motke empfohlen, bestieg sie um die Mitternacht den Zug nach Amsterdam, just im Moment, als Laura fünf Kätzchen in die Welt setzte.

Anatol hatte einen Schmerz mit schwarzen Haaren. Von Freunden beliehen und mit Angst im Hals bestieg er nach vier Wochen um die Mitternacht den Zug nach Amterdam. Seitdem es dunkel war, ging Laura auf die Jagd, und sie versorgte ihre Kinderchen mit Mäuschen und mit Vögelchen.

Von Deutschland hatte er bisher noch nichts gesehen. Den Freistaat nie verlassen. Jetzt sah er Ulm und Bruchsal und den Rhein. Dann einen Ort, der eine Bundeshauptstadt war. Er schloss kein Auge. Er suchte, wann es immer ging, das offene Fenster auf. Wechselte Geld. Ich komme, sagte er.

Amsterdam empfing ihn nicht. Es regnete und er verstand nichts. Die Adresse war im Zentrum, Amstel 100. Golan Grill und Jerusalem of Gold. Ein Motke zeigte sich erst hilfreich, als Anatol sich zu erkennen gab. Er stellte sicher, dass die Bude frei von einem Anderen war. Dann ließ er Anatol hinaus auf steile Stiegen, in den dritten Stock hinauf.

Nicht mittten in der Leidenschaft, und schon gar nicht hinterher, wollte das Mädchen von Rückkehr und von Heirat etwas wissen. Sie sagte es mit Bedauern. Als sie mich auskratzten, habe ich dich gehasst. Noch einmal wusch sie sich vor ihm, wohl um zu zeigen, welch triste Pracht er dort verließ.

Früh am Abend, gerade noch mit 24, bestieg Anatol den Schlafwagen nach München. Er hatte etwas versucht und nicht erreicht. Als der Zug die Stadt verließ, hatte er vergessen, was zu erreichen war. Er schlief – und wachte nicht mehr auf – bis Ulm.

Iggy Pop  Real Wild Child

                                  from damlin

Der Vorerst Letzte (12)

April 30, 2009

Laura hatte eine Maus gefunden und satte Gräser, Wasser aus dem Bach getrunken, Himmel und Erde gesehen. Jetzt näherte sie sich dem Baum, unter dem Helene ganz in Gedanken verblieben war, und legte sich dazu. Woran denkst du, mein Schätzchen?
Schau her, sagte Helene, der Peter hat nichts anderes als Forellen gefangen; seit ich aber den Hecht von dem Fremden gesehen habe, geht mir der Peter nicht mehr aus dem Kopf.
Die Fische spielen eben eine große Rolle, oder?
Nein. Ich wünschte, dass er mir verzeiht. Ich würde ihm auch gern verzeihen.
Verzeihen was?
Helene brach in Tränen aus. Dazu rauschten Blätter, rauschte der entfernte Bach, zirpten die Grillen, stieg die Sonne. Die Liebe, schluchzte sie.
Die Liebe der Menschen ist nicht gerade einfach, was?
Schau! So wie du mich hier siehst, bin ich erfüllt von Liebe, und das ist schmerzlich, weil ich stets ihr Gegenteil vor Augen habe; und das Gegenteil, das ist mein Leben.
Unsereins kennt solche Gegenteile nicht. Wir kennen eine Ratte oder keine Ratte, einen Tag oder keinen Tag, gab Laura zu bedenken.
Ich habe tolle Männer gekannt, Huberten, Flieger, sogar ein echter Olympiasieger war dabei. Sie alle haben mich allein gelassen, weil ich einer Rasse angehörte. Sollte das bedeuten, dass ich kein Recht auf einen Mann hatte, sobald er mir gefiel? Im Zug nach Garmisch kam der Peter ins Abteil herein und zeigte sich von Anfang an von seiner besten Seite. Wir waren beide so naiv. Für ihn waren Juden kein Problem, verstehst du sowas? Und ich? Ich dachte, dass einer, der ein KZ bewacht, auch in der Lage sei, mich davon fernzuhalten. Vielleicht hat er es ja getan, ich weiß es nicht. Er hat mir nie etwas gesagt. 39 haben wir geheiratet. Auf einem Zusatzblatt zur Urkunde vom Mai findet sich bis heute noch ein schriftlicher Vermerk, wonach „die unter Ziffer zwei genannte Ehefrau früher der israelitischen Religionsgemeinschaft angehört hat“. Anatol hat sich nach Peters Tod geweigert, das aus dem Blatt streichen zu lassen. In 30 Jahren war es so das vierte Mal, dass ich stolz auf meinen Sohn war. Was für eine Schande, oder?
Der Vermerk hätte dazu gereicht, meinen Vater abzuholen. Doch es geschah nichts. Im Gegenteil, sie haben ihm Kriegsgefangene geschickt, zur Hilfe für den Garten. Irgendwer hat uns geschützt. Wer war das?
Laura schaute tief ins Gras. Das ist jetzt schwer zu sagen, sagte sie.
Nach der Hochzeit nahm allmählich Peters beste Seite ab. Ich war enttäuscht. Er war mir untreu, kam abends nicht nach Hause, trank und amüsierte sich, verlor die gute Stelle im KZ. Er wurde ins Gefecht geschickt, Winterfeldzug 41. Dort hat er viel fotografiert mit seiner Leica. In Weißrussland, in der Ukraine. Dort hat er Häuser angezündet von den Bauern, die ihn nachts zuvor verköstigt hatten.
Es folgten Heimaturlaub, Lazarett und Holland, Heimaturlaub. 44 desertierte Peter und versteckte sich im Keller meines Vaters. Jetzt war er gar nicht mehr der Mensch aus dem Coupé von Garmisch. Jetzt war er haltlos.
Laura streckte sich im Gras. Du bist auf einem guten Weg, mein Schätzchen. Lass uns nach Hause gehen. Mein Kind wird warten.

Auf dem Weg sprach Laura über Anatol: Weißt du, im Vergleich zu seinem Vater scheint er geradezu ein Einstein. Aber sonst. Mit seinen ganzen Weibern. Ich kann dir sagen.
Sag lieber nichts.
Sie setzten ohne Worte ihren Weg fort.

The Beatles  She´s Leaving Home

                                            from zatz

Der Vorerst Letzte (11)

April 17, 2009

Es hatte aufgehört zu regnen. Helene lauschte mit geschlossenen Augen dem Gesang vor ihrem Haus. Eine Stimme war es, die sie aus dem Lauschen holte. Weißt du, was hier los ist, hob die Kleine Nutte an.
Ich weiß es nicht.
Hier gibt es in der ganzen Gegend, weit und breit, und wird es niemals geben, nicht den geringsten Kater. Sie hatte angefangen, bedächtig um das Bett zu streichen. Weißt du, was das heißt?
Ich weiß es nicht.
Das heißt paletti. Kein Beißen und Gekratze, kein Getue, und auch keinen, der seine Kinder niemals kennen lernt. Das hier ist katerfreie Zone. Das hier ist das Paradies.
Ich mag die Kater, erwiderte Helene.
Kannst du auch; dir tun sie ja bloß schön. Du hast nichts zu leiden unter diesen, sie blieb stehen und suchte in ihrem Fell nach einem Wort; unter diesen Heinis, fiel ihr ein. Helene öffnete die Tür. Auf der Schwelle lag ein frischer, toter Hecht.
Der ist von dem, der immer heimlich herkommt. Ich garantiere dir, der weiß jetzt, dass du hier bist, sprach die Kleine Nutte. Wir haben seine Fische immer nur mit Anstand, weil wir gut erzogen sind, nicht liegen lassen. Das weiß der Mensch ja auch. Jetzt sieht er, das garantiere ich dir, einen neuen Sinn in seinem Leben. Jetzt verwöhnt er eine Frau – mit einem Fisch. Das Kätzchen wälzte sich.
Wer ist der Mensch?
Ich kenne ihn nicht. Ein Eremit, ein Einzelgänger und ein schöner Kerl gewiss. Ich weiß auch, dass er eine Hütte hat, direkt am See. Das Kätzchen schloss die Augen.
Gibt es hier Hunde? Nein, nicht dass ich wüsste. Egal. Wir brauchen keine. Wenn welche da wären, wäre uns das auch egal. Das Kätzchen schnurrte heftig.
Wo ist deine Mutter?
Beim Streunen. Sie erforscht die Gegend. Ihr entgeht nichts. Ihre Augen sind die allerbesten. Sie findet immer etwas Neues, neulich eine neue Maus zum Beispiel. Das Kätzchen gähnte.

Helene ging hinaus. Wie der Peter, dachte sie. Der hat fast immer etwas mitgebracht: Fische, Pfannen, Messer, Vögel, allerhand. Selbst dafür habe ich ihn schlecht gemacht. Das Land war groß in seiner Ansicht. Da wurde es ihr theoretisch. So ein Kind, so überlegte sie, kommt auf die Welt und bringt in seinen Augen und in seinem Lächeln unseres lieben Gottes ganze Liebe mit. Davon ist freilich niemand ausgenommen. Ich habe nicht gesehen, wie du gestrahlt hast. Auch nicht, wie man dich gezwungen hat, etwas zu tun, das du nicht wolltest. Auch nicht, wie die erste Lüge einen Fleck auf deine Seele machte. Erst so viel später habe ich dich gesehen und war bezaubert von dem Rest der Unschuld. Noch immer frisch vertrieben vom Zuhause, frisch rekrutiert für die Bewegung. Das halbe Judenmädchen war bezaubert von dem frischen Glanz des Personals vom Lager Dachau. Das ist keine Lüge, Peter! Du hast dich, als schon längst der Glanz die Unschuld überwuchert hatte, in den Dienst des Reichs gestellt. Ich aber war verloren, verängstigt und hysterisch. So sind wir uns begegnet.
Helene fand sich unter einem Baume sitzend.

Sezen Aksu  perisanim simdi

                                               from kokakbaba

Der Vorerst Letzte (10)

April 2, 2009

Peter war ein Kind der Kälte aus dem Ampezzanischen, wo seine Mutter herkam. Sein Vater war ein Wiener, ein Fotograf, ein ekelhafter Mensch und nicht mit Mostrich zu genießen. Der Peter war im Wald zuhause und liebte die Musik, erlernte das Metier des Vaters und zeigte mehr als dieser Liebe und Talent dazu. Er schrieb sich Theo, weshalb Helene ihn ganz einfach Peter nannte. Er spielte Karten, schnapste, wattete. Er war ein Sportler, er begann früh mit dem Rauchen und genoss den Rotwein. Und er war in seinem Wald zuhause. Er kannte manchen Baum persönlich, und alle guten Pilze zitterten bei seinen Schritten. Junge Frauen fühlten sich nicht sicher, sobald er in der Nähe war, und solche, die das Sakrament schon überzogen hatte, dachten bei der Beichte, ohne ihn zu nennen, nur an ihn. Theo wusste nichts von Liebe, er hatte davon nichts erfahren. Da er aber etwas lieben musste, machte er die Leica zu seiner Braut. Das Wienerische generierte nichts als Kälte, und das Ampezzanische verlor sich in devoter Handlung, ja in Stumpfsinn. Es bedurfte keines Streits. Theo verließ die Heimat. Er war sich nicht ganz sicher, wohin er gehen sollte.

Velvet Revolver  fall to pieces

                                             from perskey