Thursday Song of a Week (18)
April 30, 2009
Iggy Pop Real Wild Child
from damlin
Der Vorerst Letzte (12)
April 30, 2009
Laura hatte eine Maus gefunden und satte Gräser, Wasser aus dem Bach getrunken, Himmel und Erde gesehen. Jetzt näherte sie sich dem Baum, unter dem Helene ganz in Gedanken verblieben war, und legte sich dazu. Woran denkst du, mein Schätzchen?
Schau her, sagte Helene, der Peter hat nichts anderes als Forellen gefangen; seit ich aber den Hecht von dem Fremden gesehen habe, geht mir der Peter nicht mehr aus dem Kopf.
Die Fische spielen eben eine große Rolle, oder?
Nein. Ich wünschte, dass er mir verzeiht. Ich würde ihm auch gern verzeihen.
Verzeihen was?
Helene brach in Tränen aus. Dazu rauschten Blätter, rauschte der entfernte Bach, zirpten die Grillen, stieg die Sonne. Die Liebe, schluchzte sie.
Die Liebe der Menschen ist nicht gerade einfach, was?
Schau! So wie du mich hier siehst, bin ich erfüllt von Liebe, und das ist schmerzlich, weil ich stets ihr Gegenteil vor Augen habe; und das Gegenteil, das ist mein Leben.
Unsereins kennt solche Gegenteile nicht. Wir kennen eine Ratte oder keine Ratte, einen Tag oder keinen Tag, gab Laura zu bedenken.
Ich habe tolle Männer gekannt, Huberten, Flieger, sogar ein echter Olympiasieger war dabei. Sie alle haben mich allein gelassen, weil ich einer Rasse angehörte. Sollte das bedeuten, dass ich kein Recht auf einen Mann hatte, sobald er mir gefiel? Im Zug nach Garmisch kam der Peter ins Abteil herein und zeigte sich von Anfang an von seiner besten Seite. Wir waren beide so naiv. Für ihn waren Juden kein Problem, verstehst du sowas? Und ich? Ich dachte, dass einer, der ein KZ bewacht, auch in der Lage sei, mich davon fernzuhalten. Vielleicht hat er es ja getan, ich weiß es nicht. Er hat mir nie etwas gesagt. 39 haben wir geheiratet. Auf einem Zusatzblatt zur Urkunde vom Mai findet sich bis heute noch ein schriftlicher Vermerk, wonach „die unter Ziffer zwei genannte Ehefrau früher der israelitischen Religionsgemeinschaft angehört hat”. Anatol hat sich nach Peters Tod geweigert, das aus dem Blatt streichen zu lassen. In 30 Jahren war es so das vierte Mal, dass ich stolz auf meinen Sohn war. Was für eine Schande, oder?
Der Vermerk hätte dazu gereicht, meinen Vater abzuholen. Doch es geschah nichts. Im Gegenteil, sie haben ihm Kriegsgefangene geschickt, zur Hilfe für den Garten. Irgendwer hat uns geschützt. Wer war das?
Laura schaute tief ins Gras. Das ist jetzt schwer zu sagen, sagte sie.
Nach der Hochzeit nahm allmählich Peters beste Seite ab. Ich war enttäuscht. Er war mir untreu, kam abends nicht nach Hause, trank und amüsierte sich, verlor die gute Stelle im KZ. Er wurde ins Gefecht geschickt, Winterfeldzug 41. Dort hat er viel fotografiert mit seiner Leica. In Weißrussland, in der Ukraine. Dort hat er Häuser angezündet von den Bauern, die ihn nachts zuvor verköstigt hatten.
Es folgten Heimaturlaub, Lazarett und Holland, Heimaturlaub. 44 desertierte Peter und versteckte sich im Keller meines Vaters. Jetzt war er gar nicht mehr der Mensch aus dem Coupé von Garmisch. Jetzt war er haltlos.
Laura streckte sich im Gras. Du bist auf einem guten Weg, mein Schätzchen. Lass uns nach Hause gehen. Mein Kind wird warten.
Auf dem Weg sprach Laura über Anatol: Weißt du, im Vergleich zu seinem Vater scheint er geradezu ein Einstein. Aber sonst. Mit seinen ganzen Weibern. Ich kann dir sagen.
Sag lieber nichts.
Sie setzten ohne Worte ihren Weg fort.
Der Vorerst Letzte (9)
März 24, 2009
Schnee lag auf dem Fenster der Mansarde. Schlechtes Zeug war im Umlauf gewesen, und Anatol und Grassi hatten etwas davon geschluckt. Der Raum war gänzlich gelb. Die zwei verloren sich aus den Augen. Längst ausgesprochene Lügen und falsch ausgelegte Musikalität offenbarten sich in ihren Blicken, so dass jeder Angst davor bekam, den anderen anzusehen. In ihrer ganzen Not begannen sie zu sprechen. Du bist nicht offen, sagte Grassi. Und Anatol, geblendet von Chemie, fand einen kleinen gelben Band in seiner Hand. Und er las vor: Wir, fast noch am Leben … Crux der Sozialphänomenologie. Zeilen über späte Zeit des alternden Kapitalismus und Entfremdung. Die jungen Männer, soeben noch in Sorge um ihr Leben, lachten. Sie hatten einen schweren Text verstanden. Du kannst dich fühlen wie ein Gott, sprach Grassi.
Was ist das für ein Gott, so dachte Anatol, der hier um Hilfe schreit.
Thursday Song of a Week (4)
Januar 29, 2009
Lucio Battisti Giardini di Marzo
from greatlucio
Der Vorerst Letzte (5)
Januar 21, 2009
Die Familie hatte Helene bei sich aufgenommen. Samy wollte seinem Vetter einen Gefallen tun, der genug damit beschäftigt war, sich und Leopoldina durchzubringen und auf ein eigenes Büro zu sparen. Daneben konnte man Helene gut gebrauchen als Spielgefährtin für die eigene Tochter, die Cousine Daisy, ein zartes und verwöhntes, fast hässliches und von Launen bewegtes Mädchen, mit wundervollen dunklen Augen, wie Helene sich erinnerte.
Gerade 14jährig betrat Helene in Schwabing eine neue Welt. Sie wohnte jetzt in einem kleinen Schloss. Sie sattelte ihr eigenes Pferd. Sie reiste nach Brioni. Sie ging zum Tanzkurs vom Valenci. Sie hatte einen wachen Blick für die schon großen jungen Herren aus feinen Münchner Häusern. Sie verging vor Sehnsucht nach den Augen ihres Vaters. Suresnes war kein Zuhause.
Die Gesellschaften waren zahlreich, die Salons der Tante gut besucht. Hier, hinter einer zweiten Wand, hatte man Ernst Toller aufgespürt. Der Garten duftete von Rosen über Rosen, im Schlösschen aber roch man Lilien. Es wurde aufgetischt. Gespräche über Kunst und Politik laut ausgeführt; Abschlüsse von Geschäften im Arkadengang in aller Stille, erfüllten diese kleine Pracht mit adäquatem Leben. Der Samy und die Tante, sie führten eine Ehe, an der nichts auszusetzen wäre. Umso gewaltiger die Überraschung, als sie erfuhr, dass Samy eine Geliebte hielt. Die Tante fühlte sich verraten und verletzt. Sie fühlte Neid und Eifer. Sie wurde krank. Samy wusste einen Platz in einem Sanatorium.
Die Cousine Daisy aber reiste in das Land der schnellen Liebe. In Venedig warf sie sich an einen Leutnant der Brigade und ward schwanger. Samy hatte viel zu reden und zu tun, um diesen Herrn zu einer Heirat zu bewegen. Damit nahm auch das Unglück seiner Tochter einen sicheren Weg.
Helene ging nach Hause. Sandor hatte viel entbehrt, geschuftet und gehungert; so hatte er sein Ziel erreicht: das eigene Büro im eigenen Haus in Untermenzing, Theodor-Fischer Straße zwei, einstöckig, gut unterkellert und inmitten eines Gartens, der mit Leopoldina zu einem Paradies geriet. Tomaten, Stachelbeeren, Rhabarber, Kohlrabi und Salat, alles, alles wuchs. Leopoldina pumpte Wasser aus der Erde. Man sprach jetzt Deutsch.
Samy unternahm vergeblich den Versuch, das Schlösschen zu veräußern. Für das Dritte Reich war das ein guter Witz. Am 5. Juni 36 wurde Suresnes im Notariat in München XIII an der Maffeistraße zwangsversteigert, ersteigert von der Dresdner Bank. An diesem Tag befand sich Samy schon in der Schweiz.
Der Vorerst Letzte (4)
Januar 5, 2009
Samy verlieh mit Hilfe von Karl Bückler, dem Architekt, dem Schlösschen alte Würde und neuen Glanz. An der Ostseite entstand ein Vorbau in der Form eines Halbkreises, außen von ionischen Säulen gegliedert, worauf eine Terrasse gesetzt war. Ein leichter Eisenbalkon an der Westseite, bislang Zutat des 19. Jahrhunderts, wurde durch einen auf toskanischen Säulen und Pfleilern ruhenden Balkon aus Kunststein ersetzt. Der nördlichen Schmalseite fügte man einen niederen Erweiterungsbau an; dieser bestand aus einem Küchentrakt und aus dem Gartenparterre. Daraus führte ein Arkadengang in zwei mit Kuppelhauben gedeckte Pavillons für Wintergarten und für Teehaus. Die Länge der Fassade bestach durch Fensterrahmen, gemacht aus Muschelkalk.
Im Inneren entstand ein pretentiöser Mittelsaal mit kannelierten Pilastern und Stuckdecke, umgeben von mehreren Salons. In einer späten Niederschrift erzählt Helene vom Geschmack der Tante, vom Brunnen in des Gartens Mitte und von einem Meer von Rosen. Die Zimmer waren allesamt in Seidendamast gehalten, der Frühstücksraum im ersten Stock gar auf japanisch eingerichtet und mit passendem Porzellan versehen.
Der Vorerst Letzte (3)
Dezember 3, 2008
Samys Frau, die Tante, war eine Baronin. Ihr Vater hatte als Oberhofstallmeister des Wiener Hofs in den Diensten des Kaisers höchstselbst gestanden. Geld, Bildung und erlesener Geschmack hatten ihren Überfluss gefunden mit Samy und der Tante; und vor der Dienerschaft ließ man alle Hemmung fahren und unterhielt sich auf Französisch. Samuel Weiß erwarb Suresnes, ein trauriges kleines Anwesen, und ließ es zum Schmuckstück geraten.
Franz Xaver Ignaz von Wilhelm, Kabinettssekretär des Kurfürsten Max Emanuel, hatte das Dominium in Schwabing im Herbst des Jahres 1717 frisch bezogen; es reichte von der heutigen Werneckstraße bis zur Gunezrainer- und Mandlstraße, von der Feilitzschstraße bis nahe an die damalige Spitalstraße. Das Schlösschen war von kühler, schlichter Vornehmheit. Von Wilhelm hatte es nach dem Vorbild des Chateau de Suresnes bei Paris hergerichtet. Von 1756 bis zu Samy wechselte das Schlösschen öfter als zwanzigmal seinen Besitzer. Maria Clara Freifrau von Manteuffel befand sich zunächst in dieser Lage, die geborene Freiin von Zillerberg, kurfürstliche Kammerfrau und Gemahlin Johann Leopolds Freiherrn von Manteuffel auf Brandstetten, seinerseits Geheimer Rat und Hofkastner sowie Grand Maitre de Garde Robe, kurfürstlicher Großgarderobenmeister zu München und Pfleger von Geisenhausen; doch war zu seiner Zeit im Jahre 1871 auch der Apotheker Adolf Federhaft aus Calw einer der Besitzer.
Der Vorerst Letzte (2)
November 26, 2008
Sandor Weiß war der zweite Sohn eines Bauern aus Szentgal im Bezirk Veszprem in Ungarn, unweit des Plattensees. Der Vater ließ ihn, da der Erstgeborene den Hof erhielt, studieren, und so wurde aus Sandor Weiß ein Ingenieur. Er wechselte den Namen und hieß forthin Varga, was nichts als Schuster ist. Er führte eine von fünf Schwestern aus Kroatien heim.
Sandor Varga wurde Oberleutnant der Husaren und stand im Feld. Das strafende Blau seiner Augen, das Helene so entzückte, war auch in der Kompanie recht gern gesehen; er untersagte nicht, dass Operettenklänge sich zuweilen unter die Waffenruhe mischten. Im Zweigespann traf er auf Urlaub in der Heimat ein, in Buda, wo jetzt die Familie wohnte. Genau vom Rosenhügel ging man dann spazieren, hinunter auf das Bett und auf die Brücke zu; und Sandor zog den Säbel und erlegte einen Hund. Helene litt. Sie liebte alle Hunde, und sie liebte ihren Vater sehr.
Sobald der Krieg zu Ende war, wurde Sandor Varga Kommunist.
Das Proletariat, sprach Béla Kun, ließ nicht seine Führer, sondern zuerst sich selbst im Stich. Kalt und ruhig muß ich es sagen: Unsere Diktatur, sie ist gestürzt. Die ungarische Republik der Räte hatte nicht mehr länger als 133 Tage ausgehalten.
Paläste, Parkanlagen und Strände waren für die Ferien der Kinder genutzt worden. Den hunderttausend in Baracken oder in den Straßen der Hauptstadt Lebenden waren Räumlichkeiten in den kaum belegten Häusern der Reichen zugewiesen worden.
Das war zuviel gewesen. Die Reaktion entsandte prompt nach Wien. Der britische Vertreter der Entente verkündete, Kuns Kommunisten seien zu entfernen, der Bolschewismus zu beseitigen.
Helene war herausgeputzt gewesen. Sie hatte sich, mit anderen Kindern, im Fond vom Wagen Kuns vergnügt im Angesicht der Menge, die an den Straßen stand und jubelte. Sie war zum Schmuck der Räterepublik gedacht gewesen.
Die Weißen kamen, und Sandor Varga wurde auf dem Hof des Bruders festgenommen. Man brachte ihn an einen sicheren Ort, vergaß, die Tür zu schließen, und der Ingenieur entfloh. Zuerst nach Gütersloh, darauf nach München, wo sein Vetter Samuel, Bankmensch und Generaldirektor, lebte. Helene und die Mutter Leopoldina reisten nach. Von der deutschen Sprache verstand man noch kein Wort.
Hansi
November 25, 2008
Wir haben über dich gelacht. Wir lachen immer noch. Tränen fallen aus den Augen, wenn wir daran denken, wie sehr du fehlst, du Übersetzer, du großer Freund. Ich möchte Dir wieder erzählen, was mich beschäftigt, und dich hören bei dem, was dich beschäftigt. Du fehlst.
Du hast dich aus dem Staub gemacht. Wir senden dir jetzt deine Träume nach.
from fritz5128
Der Vorerst Letzte (1)
November 20, 2008
An einem Tag im August bewegte sich eine Eisenbahn durch ein enges Tal. Helene, die einen Platz am Fenster besaß, erfreute sich an der Aussicht. Ein solches Tal war ihr bekannt. Blätter spendeten Schatten und steinerne Aufgänge verschwanden, ja sie verleiteten zu Vegetation. Weiter oben standen separate Häuser, dort war sie auf Besuch gewesen, mit Anatol.
Den Abschied hatte sie verpatzt. Anatol war hereinstolziert. Sie hatte ihm gesagt, dass er kein Herz besitze, und war hinausstolziert. Oje, das waren meine letzten Worte, dachte sie; bis auf ein allerletztes Ja, doch weiß ich nicht mehr, worauf sich dieses Ja bezog.
Sein Pech, das waren wir, ich und sein Vater, und dass wir uns nicht lieben konnten. Ich sehe diese Dinge jetzt aus deiner Sicht, mein Süßer. Ich reise als dein Advokat.
Die Bahn war aus dem Tal heraus gefahren, und Helene sah ein weites Feld und weiße Wolken über einem großen Himmel. Es schien, entlang der Strecke müsse sich der Reisende gedulden, bis einmal ein Haus vorbei kam, oder vielleicht ein Mensch am Rande stand und wunk. Helene führte kein Gepäck; sie reiste mit den Sinnen und mit einer großen Last im Kopf, doch fand sich nun genügend Zeit. Wie schnell, so träumte sie, ein Mensch aus einem Schloss verschwinden kann, wie kurz darauf das Schloss unter der Hand verschwindet; und wo der Mensch dann endet, auf dem Bauche liegend und mit allerlei Geschrei, so träumte die Helene, und so war auch die Geschichte. Lassen wir sie schlafen, die gute Frau.