Der Vorerst Letzte (13)
Mai 9, 2009
Anatol hatte eine Liebe mit schwarzen Haaren. Sie verließ die Stadt, als sie schwanger war. Ohnmachten waren vorausgegangen, und kein Wort von Anatol. Von der Familie beraten, von Motke zu Motke empfohlen, bestieg sie um die Mitternacht den Zug nach Amsterdam, just im Moment, als Laura fünf Kätzchen in die Welt setzte.
Anatol hatte einen Schmerz mit schwarzen Haaren. Von Freunden beliehen und mit Angst im Hals bestieg er nach vier Wochen um die Mitternacht den Zug nach Amterdam. Seitdem es dunkel war, ging Laura auf die Jagd, und sie versorgte ihre Kinderchen mit Mäuschen und mit Vögelchen.
Von Deutschland hatte er bisher noch nichts gesehen. Den Freistaat nie verlassen. Jetzt sah er Ulm und Bruchsal und den Rhein. Dann einen Ort, der eine Bundeshauptstadt war. Er schloss kein Auge. Er suchte, wann es immer ging, das offene Fenster auf. Wechselte Geld. Ich komme, sagte er.
Amsterdam empfing ihn nicht. Es regnete und er verstand nichts. Die Adresse war im Zentrum, Amstel 100. Golan Grill und Jerusalem of Gold. Ein Motke zeigte sich erst hilfreich, als Anatol sich zu erkennen gab. Er stellte sicher, dass die Bude frei von einem Anderen war. Dann ließ er Anatol hinaus auf steile Stiegen, in den dritten Stock hinauf.
Nicht mittten in der Leidenschaft, und schon gar nicht hinterher, wollte das Mädchen von Rückkehr und von Heirat etwas wissen. Sie sagte es mit Bedauern. Als sie mich auskratzten, habe ich dich gehasst. Noch einmal wusch sie sich vor ihm, wohl um zu zeigen, welch triste Pracht er dort verließ.
Früh am Abend, gerade noch mit 24, bestieg Anatol den Schlafwagen nach München. Er hatte etwas versucht und nicht erreicht. Als der Zug die Stadt verließ, hatte er vergessen, was zu erreichen war. Er schlief – und wachte nicht mehr auf – bis Ulm.
Der Vorerst Letzte (11)
April 17, 2009
Es hatte aufgehört zu regnen. Helene lauschte mit geschlossenen Augen dem Gesang vor ihrem Haus. Eine Stimme war es, die sie aus dem Lauschen holte. Weißt du, was hier los ist, hob die Kleine Nutte an.
Ich weiß es nicht.
Hier gibt es in der ganzen Gegend, weit und breit, und wird es niemals geben, nicht den geringsten Kater. Sie hatte angefangen, bedächtig um das Bett zu streichen. Weißt du, was das heißt?
Ich weiß es nicht.
Das heißt paletti. Kein Beißen und Gekratze, kein Getue, und auch keinen, der seine Kinder niemals kennen lernt. Das hier ist katerfreie Zone. Das hier ist das Paradies.
Ich mag die Kater, erwiderte Helene.
Kannst du auch; dir tun sie ja bloß schön. Du hast nichts zu leiden unter diesen, sie blieb stehen und suchte in ihrem Fell nach einem Wort; unter diesen Heinis, fiel ihr ein. Helene öffnete die Tür. Auf der Schwelle lag ein frischer, toter Hecht.
Der ist von dem, der immer heimlich herkommt. Ich garantiere dir, der weiß jetzt, dass du hier bist, sprach die Kleine Nutte. Wir haben seine Fische immer nur mit Anstand, weil wir gut erzogen sind, nicht liegen lassen. Das weiß der Mensch ja auch. Jetzt sieht er, das garantiere ich dir, einen neuen Sinn in seinem Leben. Jetzt verwöhnt er eine Frau – mit einem Fisch. Das Kätzchen wälzte sich.
Wer ist der Mensch?
Ich kenne ihn nicht. Ein Eremit, ein Einzelgänger und ein schöner Kerl gewiss. Ich weiß auch, dass er eine Hütte hat, direkt am See. Das Kätzchen schloss die Augen.
Gibt es hier Hunde? Nein, nicht dass ich wüsste. Egal. Wir brauchen keine. Wenn welche da wären, wäre uns das auch egal. Das Kätzchen schnurrte heftig.
Wo ist deine Mutter?
Beim Streunen. Sie erforscht die Gegend. Ihr entgeht nichts. Ihre Augen sind die allerbesten. Sie findet immer etwas Neues, neulich eine neue Maus zum Beispiel. Das Kätzchen gähnte.
Helene ging hinaus. Wie der Peter, dachte sie. Der hat fast immer etwas mitgebracht: Fische, Pfannen, Messer, Vögel, allerhand. Selbst dafür habe ich ihn schlecht gemacht. Das Land war groß in seiner Ansicht. Da wurde es ihr theoretisch. So ein Kind, so überlegte sie, kommt auf die Welt und bringt in seinen Augen und in seinem Lächeln unseres lieben Gottes ganze Liebe mit. Davon ist freilich niemand ausgenommen. Ich habe nicht gesehen, wie du gestrahlt hast. Auch nicht, wie man dich gezwungen hat, etwas zu tun, das du nicht wolltest. Auch nicht, wie die erste Lüge einen Fleck auf deine Seele machte. Erst so viel später habe ich dich gesehen und war bezaubert von dem Rest der Unschuld. Noch immer frisch vertrieben vom Zuhause, frisch rekrutiert für die Bewegung. Das halbe Judenmädchen war bezaubert von dem frischen Glanz des Personals vom Lager Dachau. Das ist keine Lüge, Peter! Du hast dich, als schon längst der Glanz die Unschuld überwuchert hatte, in den Dienst des Reichs gestellt. Ich aber war verloren, verängstigt und hysterisch. So sind wir uns begegnet.
Helene fand sich unter einem Baume sitzend.
Der Vorerst Letzte (10)
April 2, 2009
Peter war ein Kind der Kälte aus dem Ampezzanischen, wo seine Mutter herkam. Sein Vater war ein Wiener, ein Fotograf, ein ekelhafter Mensch und nicht mit Mostrich zu genießen. Der Peter war im Wald zuhause und liebte die Musik, erlernte das Metier des Vaters und zeigte mehr als dieser Liebe und Talent dazu. Er schrieb sich Theo, weshalb Helene ihn ganz einfach Peter nannte. Er spielte Karten, schnapste, wattete. Er war ein Sportler, er begann früh mit dem Rauchen und genoss den Rotwein. Und er war in seinem Wald zuhause. Er kannte manchen Baum persönlich, und alle guten Pilze zitterten bei seinen Schritten. Junge Frauen fühlten sich nicht sicher, sobald er in der Nähe war, und solche, die das Sakrament schon überzogen hatte, dachten bei der Beichte, ohne ihn zu nennen, nur an ihn. Theo wusste nichts von Liebe, er hatte davon nichts erfahren. Da er aber etwas lieben musste, machte er die Leica zu seiner Braut. Das Wienerische generierte nichts als Kälte, und das Ampezzanische verlor sich in devoter Handlung, ja in Stumpfsinn. Es bedurfte keines Streits. Theo verließ die Heimat. Er war sich nicht ganz sicher, wohin er gehen sollte.
Der Vorerst Letzte (9)
März 24, 2009
Schnee lag auf dem Fenster der Mansarde. Schlechtes Zeug war im Umlauf gewesen, und Anatol und Grassi hatten etwas davon geschluckt. Der Raum war gänzlich gelb. Die zwei verloren sich aus den Augen. Längst ausgesprochene Lügen und falsch ausgelegte Musikalität offenbarten sich in ihren Blicken, so dass jeder Angst davor bekam, den anderen anzusehen. In ihrer ganzen Not begannen sie zu sprechen. Du bist nicht offen, sagte Grassi. Und Anatol, geblendet von Chemie, fand einen kleinen gelben Band in seiner Hand. Und er las vor: Wir, fast noch am Leben … Crux der Sozialphänomenologie. Zeilen über späte Zeit des alternden Kapitalismus und Entfremdung. Die jungen Männer, soeben noch in Sorge um ihr Leben, lachten. Sie hatten einen schweren Text verstanden. Du kannst dich fühlen wie ein Gott, sprach Grassi.
Was ist das für ein Gott, so dachte Anatol, der hier um Hilfe schreit.
Der Vorerst Letzte (8)
Februar 20, 2009
Das bürgerliche Leben neuerdings, es gestaltete sich schwierig. Helene war bisher gar nicht bewußt gewesen, dass sie einer eigenen Rasse angehörte. Sandor und auch Samy und die Tante hatten eine solche Ziererei mit keinem Ton erwähnt. Es war nicht von Belang, sie erfuhr es von der Obrigkeit: Sie war Mischling ersten Grades. Überhaupt, das aufgeklärte Volk, zu dem Helene nunmehr Zugang hatte, war längst bewandert in der Theorie der Rassen, während sie an Hunde dachte, ganz allein an Promenadenmischung.
Sandor war ein Atheist, er studierte und verachtete die Religionen. Nur den Buddhismus ließ er gelten, nachdem er zum Ergebnis kam, dass dieser keine Religion sei. Leopoldina war katholisch. Sie sprach Gebete, um jeglicher Gefahr zuvorzukommen, und sie hatte durchgesetzt, dass man Helene noch in Budapest katholisch taufen ließ.
Für Helene blieben Religion und Rasse ein Geheimnis. Auch der Importeur von Wolle, bei dem sie im Bureau saß, war plötzlich Jude; er war den Synagogen immer ferngeblieben.
Ein Hochzeiter sprang ab. Der Vater des Verlorenen bat brieflich um Verständnis. Die militärische Karriere sei gefährdet angesichts der Rassenlage. Helene dachte jetzt noch nicht an die Gefahr für Ihresgleichen. Das Papier vom Amt besagte, sie sei sicher: zwar Mischling, doch katholisch und vor allem dem Staat Ungarn, Freund des Reiches, angehörig.
Ein zweiter, dritter, vierter Kandidat nahm von ihr Abschied. Das halbe Judenmädchen hatte sich im Licht der Theorie als Hindernis herausgestellt. Ein Major aus der Legion Condor suchte Einsatz im Luftraum über Spanien, wohl nicht zuletzt, sich zu entledigen. Helene blieb nichts übrig, als ihrer Arbeit nachzugehen, und am Tag die Augen aufzuhalten.
An einem solchen Tag im Mai betrat ein fescher Mensch, ein Zivilist, ein Schönling, ein Naturbursch, wie Helene wahrnahm, das Eisenbahncoupé, in dem sie sich befand.
Der Vorerst Letzte (7)
Februar 11, 2009
Der Kleinen Nutte ihre Mutter stand vor einer Hütte und war keineswegs bemüht, die Aufregung, die sie spürte, zu verbergen. Helene trat heran und sagte: Ach Gott, du bist es, wir haben uns ja schon gesehen. Es war bei Anatol. Du hast dich gleich auf meinen Schoß gelegt. Laura, sehr erfreut, erwiderte die Mutter. Hier in der Gegend leben Männer, bedeutete die Kleine Nutte, sie versorgen uns gelegentlich mit Fleisch und Milch, was gar nicht nötig wäre. Wir haben sie gesehen. Für dich werden sie noch andere Dinge bringen. Einer legt uns immer dann, wenn wir nicht da sind, Fische vor die Tür. Sie denken, sie machen es uns leicht, die Männer.
Es ging auf den Abend zu. Der Himmel versprach Regen. Helene sah sich in der Hütte um und fand ein Bett. Die Katzen waren ihr gefolgt und Laura sagte: Ich war eine von einem großen Wurf. Meine Mama war ein Scheusal, doch brachte sie mir bei, was für mich nötig war. Weißt du meine Gutste, viele Katzen verlieben sich in einen Menschen. Ich habe Anatol gesehen, diesen schönen jungen Mann. Ich habe ihn mir ausgesucht. Er aber ist vernarrt gewesen. Die von ihm Begehrte hatte einen fetten Stecher mitgebracht; und Anatol hat zugehört, wie die zwei es miteinander trieben. Dabei klatschen Bäuche. War das Beischlaf oder Beifall? Anatol erwartete den Morgen auf der Wiese sitzend. Er lauschte dem Gesang der Amseln. Ich habe mich auf seinen Schoß gelegt. Ich habe ihn gewärmt. Von da an habe ich zu ihm gehört. Helene legte sich aufs Bett und schlief augenblicklich ein. Der Regen ergab ein treffliches Geräusch.
Der Vorerst Letzte (6)
Februar 5, 2009
Helene erwachte mit der Frage, ob wohl wunk ein Wort des Deutschen sei. Die Eisenbahn war stehen geblieben, und Helene erblickte nichts als eine Rampe in der Sonne und dazu ein Kätzchen, das dort Platz genommen hatte. Ich bin die Kleine Nutte, sprach das Kätzchen, als Helene aus dem Zug trat. Dieser Traum ist noch nicht ausgeträumt, erwiderte Helene.
Komm, wir gehen. Ich soll dich abholen.
Wie kommt es, das du Kleine Nutte heißt?
Komischer Name, weiß ich schon. Er hat mich so getauft, der Anatol. Ich weiß nicht, was ihm dabei durch den Kopf ging. Egal. Ich bin damit zufrieden.
Die beiden traten in ein weites grünes Land. Helene liebte dieses Land. Ihr war, als seien ihre Geister hier gewesen.
Wo sind wir hier?
Mitten in der Pampa, versetzte das Kätzchen.
Und wohin gehen wir?
Zu uns. Zu mir und dir und meiner Mutter. Du wirst sehen, wir haben es dort schön.
Helene stellte keine Fragen mehr, so sagte dieses Kätzchen nur noch: Wir haben schon auf dich gewartet.