Die Diseuse von Rilkes Marienliedern in der Black Box des Gasteig hatte ihre Ekstase erreicht. Ihre Lider flatterten, ihre Lippen bebten, als sie ihre Hand in der Hand eines jungen Amerikaners fand, der sich artig bedankte und den Saal verließ. Danny Boy. Artig bedankte sich auch sie. Danach bat jemand, der versprach, nicht wiederzukommen, um zehn Minuten Pause. Die Hingabe war groß gewesen, und es war recht schade darum.

Wir haben daran gedacht, Orwells Tage in Burma zu verfilmen. Es hätte etwas daraus werden können. Und einen kleinen Verlag gründen, ein Restaurant aufmachen.

Heute ist Danny Boy auf dem Boden seiner Küche in Schwabing gestorben.

Der Vorerst Letzte (7)

Februar 11, 2009

Der Kleinen Nutte ihre Mutter stand vor einer Hütte und war keineswegs bemüht, die Aufregung, die sie spürte, zu verbergen. Helene trat heran und sagte: Ach Gott, du bist es, wir haben uns ja schon gesehen. Es war bei Anatol. Du hast dich gleich auf meinen Schoß gelegt. Laura, sehr erfreut, erwiderte die Mutter. Hier in der Gegend leben Männer, bedeutete die Kleine Nutte, sie versorgen uns gelegentlich mit Fleisch und Milch, was gar nicht nötig wäre. Wir haben sie gesehen. Für dich werden sie noch andere Dinge bringen. Einer legt uns immer dann, wenn wir nicht da sind, Fische vor die Tür. Sie denken, sie machen es uns leicht, die Männer.

Es ging auf den Abend zu. Der Himmel versprach Regen. Helene sah sich in der Hütte um und fand ein Bett. Die Katzen waren ihr gefolgt und Laura sagte: Ich war eine von einem großen Wurf. Meine Mama war ein Scheusal, doch brachte sie mir bei, was für mich nötig war. Weißt du meine Gutste, viele Katzen verlieben sich in einen Menschen. Ich habe Anatol gesehen, diesen schönen jungen Mann. Ich habe ihn mir ausgesucht. Er aber ist vernarrt gewesen. Die von ihm Begehrte hatte einen fetten Stecher mitgebracht; und Anatol hat zugehört, wie die zwei es miteinander trieben. Dabei klatschen Bäuche. War das Beischlaf oder Beifall? Anatol erwartete den Morgen auf der Wiese sitzend. Er lauschte dem Gesang der Amseln. Ich habe mich auf seinen Schoß gelegt. Ich habe ihn gewärmt. Von da an habe ich zu ihm gehört. Helene legte sich aufs Bett und schlief augenblicklich ein. Der Regen ergab ein treffliches Geräusch.

Der Vorerst Letzte (6)

Februar 5, 2009

Helene erwachte mit der Frage, ob wohl wunk ein Wort des Deutschen sei. Die Eisenbahn war stehen geblieben, und Helene erblickte nichts als eine Rampe in der Sonne und dazu ein Kätzchen, das dort Platz genommen hatte. Ich bin die Kleine Nutte, sprach das Kätzchen, als Helene aus dem Zug trat. Dieser Traum ist noch nicht ausgeträumt, erwiderte Helene.

Komm, wir gehen. Ich soll dich abholen.
Wie kommt es, das du Kleine Nutte heißt?
Komischer Name, weiß ich schon. Er hat mich so getauft, der Anatol. Ich weiß nicht, was ihm dabei durch den Kopf ging. Egal. Ich bin damit zufrieden.

Die beiden traten in ein weites grünes Land. Helene liebte dieses Land. Ihr war, als seien ihre Geister hier gewesen.
Wo sind wir hier?
Mitten in der Pampa, versetzte das Kätzchen.
Und wohin gehen wir?
Zu uns. Zu mir und dir und meiner Mutter. Du wirst sehen, wir haben es dort schön.
Helene stellte keine Fragen mehr, so sagte dieses Kätzchen nur noch: Wir haben schon auf dich gewartet.

Mandarinenente

Dezember 17, 2008

Sie wird in Kürze hundert Jahre sein. Kommuniziert nicht. Wird faltenlos und schlafend durch den Park geschoben. Gebadet von der Sonne, geschüttelt und gelüftet und von Natur beschallt. Die Lider öffnen sich gelegentlich zu dünnen Schlitzen. Nimmt sie jetzt wahr? Junge Schönheit hängt am Zimmereingang. Stattliche Erscheinung, vom Bauernhof, für einen jeden Mensch zu reich.
Vorbei an Paulus und den sieben Hennen. Vorbei am Teich, von dem aus nicht sehr hoffnungsvoll ein Mandarinenentchen in die Zukunft blickte. Man hat ihn ausgetrocknet und wieder aufgefüllt. Das Entchen hat den Ort verlassen.
Man grüßt sich gern in diesem Park, wie auch im ganzen Haus. Wohl ob der guten Absicht, die ein jeder gleich im anderen erkennt.
Die Wiese ist gemäht. Geparkt im Schatten, verlieren sich ihre Träume, wimmert sie, und ihre Hände suchen einen Halt. Und zwei besorgte Krähen fliegen immer tiefer über das Gefährt hinweg.
Mit leerem Blick, so gut wie teilnehmend, hatte die Versammlung im Salon dem Beginn der Ausfahrt zugeschaut. Heute ist es heiß. Wie Sauna, sagt der Pfleger.

Der Atzinger I

Oktober 10, 2008

Seit dem ersten Juni ist er zugesperrt, der Atzinger. Die Witwen der beiden verstorbenen Wirte konnten und wollten das Geschäft nicht weiterführen, schon gar nicht miteinander. Man trennte sich, meldete Insolvenz an, man kündigte der Belegschaft, man versteigerte die Einrichtung: Den Stammtisch den Axel Krüger getischlert hatte, den Kopf einer Wildsau, Brums Krähe, vielleicht auch Kaffeetassen, Maßkrüge, Servietten und Streichhölzer. Ich bin dort nicht gewesen.

Neumayer, bewährter Antichrist des Münchner Gastgewerbes, zahlt jetzt die Pacht an den Hausherren, verkörpert irgendwo in der Finanzwelt der Universität. Der Wirt des Alten Simpl wurde zum neuen Wirt des Atzinger. Junges Personal wird gesucht. Zur Festeinstellung oder auf 400 € Basis. Neu eröffnet soll am 18. Oktober werden. Ich war gestern dort und habe  Zettel an den Fenstern gelesen. Von drinnen ließen sich ein Bohrer und ein Staubsauger vielversprechend hören. Vor Wochen hatte man im Dienst der Verschönerung eine tragende Mauer entfernt. Das berechtigt zu Hoffnung.

Dürfen wir gespannt sein? In diesem Viertel ist nichts besser geworden. Dem Atzinger wird Kultstatus bescheinigt, seit er Baustelle ist. Das Stop In gibt es lange nicht mehr, die Engelsburg, den Türkendolch, den Melody Maker gibt es lange nicht mehr. Was soll schon besser werden in diesem Viertel?

 

Wiesn I

Oktober 7, 2008

Jetzt ist sie den zweiten Tag vorbei, die Zeit des Oktoberfestes. Es wird aufgeräumt und nachgetrauert. Dafür gibt es jeden Dienstag wieder frische Blut- und Leberwurst. Und manche Erinnerung wird uns über die kommende Leere tragen, über Allerheiligen und Aller Seelen, den Totensonntag – ja, bis wieder Nikolaus ist, und wir uns auf den Glanz und die Dunkelheit der Weihnachtsfeiern freuen dürfen.

Ich war letzten Donnerstag auf der Wiesn, um zehn Uhr am Vormittag. Um diese Zeit gibt es keine amorphe Gestalt, der man ausweichen müsste. Man vernimmt einzelne Stimmen und schaut in ein paar Gesichter. Die Fahrgeschäfte sind kaum in Betrieb, die Zelte gerade aufgesperrt. Die Semmeln an den Standln sind resch und die Zwiebeln auf dem ordinären Lachs nicht unrass. Um die respektablen Brauereirosse herum ist Platz gelassen, auch für kleine Mädchen zum Posieren. Wir bahnten uns komfortabel unseren Weg, meine Geliebte und ich.

Der Gastraum der Hühnerbraterei Wildmoser existiert hier seit 1981, bietet Platz für 320 Personen und zählt zu den kleinen und mittleren Betrieben auf der Wiesn. Wir sind quasi die ersten Gäste an diesem Vormittag. Es herrscht die leicht vergrößerte Atmosphäre eines Bistros. Aschenbecher auf den Tischen; es fehlen nur die Zeitungsständer. Das freundliche und sehr aufmerksame Fräulein versorgt uns mit Bier und den besten Hendln, die ich auf der Wiesn kenne, und erklärt uns, warum die Brezen auf sich warten lassen müssen. Sie ist noch nicht da, die Verkäuferin. Ich warte auf das imposante Erscheinen des charismatischen Wirtes dieser Lokalität, der für lange Jahre auch Präsident meines Vereins war, des nicht weniger charismatischen und darüber hinaus legendären TSV von 1860 München. Heute nicht. Ich hätte mich gefreut.

Der Raum suggeriert uns die stete Erneuerung unserer Verliebtheit, meiner Gefährtin und mir. Um 13 Uhr kommen die Gäste, die diesen Tisch vorbestellt haben. Bis dahin sind wir, schwindlig vom Zuschauen, mit gebrannten Mandeln in der Tasche, längst unterwegs zum Viktualienmarkt, zum Kräuterstandl, zum kleinen Ochsenbrater, und dann weiter zum Shirokko am Platzl, wo der Inhaber versichert, er werde die Bestellung direkt und telefonisch bei Andre Heller abgeben.

Vielleicht erinnern Sie sich in ungefähr einem Jahr an meinen kleinen Bericht und leisten mir Folge. Stehen früh auf und fahren auf die Theresienwiese. Kommen sie nicht alle auf einmal. Vergessen Sie die Lachssemmel nicht.

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