Gleis 4
Februar 11, 2009
Menschen wie du und ich? Nein. Sie bewegen sich nicht. Sie zeigen sich sperrig. Sie sind, wo sie nicht sein sollen. Sie geben sich her für volkstümliche Musik und fressen ganze Renten auf. Sie lassen dich am Postschalter stehen. Sie verwöhnen dich wahrlich nicht. Sie sind die Notlage der Demokratie. Sie beschweren sich. Nein Liebste, so sind wir ganz und gar nicht.
Der Herr kommt mit dem Automat nicht zurecht, das bringt ihm zwei Groschen Strafe ein. Darüber findet er jetzt böse Worte. Dass der Schaffner sie auch weitergebe an die Oberen der Deutschen Bahn, in deren Dienst der Zug doch schließlich stehe. Der Schaffner aber ist ein hoch gewachsener Mann. Mit der Deutschen Bahn, so sagt er, haben wir hier nichts zu tun. Wir sind ein eigenes Unternehmen. Wir verkehren ganz allein im Dienst der Kunden.
Der alex, eine fesche Eisenbahn, ein kleiner Zug, der imponiert. Blau und weiß lackiert mit einem gelben Streifen. ARRIVA steht ganz vorne auf der Lok. Er kommt. Der alex fährt als jeweils eine von zwei Hälften von Oberstdorf und Lindau, bis dass er sich in Immenstadt vereinigt und zu seiner echten Länge findet, bis nach München Hauptbahnhof. Die andere Richtung führt über Regensburg nach Schwandorf, bis zur erneuten Teilung. Von dort nach Hof oder nach Furth im Wald, weiter über Pilsen bis nach Prag. Und jede Landschaft liegt hinter großen und geputzten Fenstern.
Wer den Hansi Hinterseer wirklich liebt, verzieht sich ins Abteil und erfreut sich an dem Ort, an dem das Schweigen auffällt. Mit Illustrierter, schlafend, oder gar Charlotte Link im Arm. Wer aber gern die Karte nachlöst, nicht ganz unerpicht auf ein Gespräch, den Kicker, Joseph Roth oder Canetti unter seinem Arm, begibt sich in den treff und freut sich über einenTisch. Bei einem Bierchen oder Weinchen ergibt sich dann vielleicht Gelegenheit, auf einen, der nicht sperrig ist, und nur mit einem kleinen Rucksack unterwegs, zu treffen.
Für den Besucher ist dann Kaufering quasi das Ende seiner Fahrt. Dort steigt er um in einen der zwei Wagen von der Lechfeld-Bahn, die ihn nach Landsberg, und damit dem Ziel in seinem Herzen näher bringen. Ein so ein Ziel ist jede Reise wert.
Der Vorerst Letzte (6)
Februar 5, 2009
Helene erwachte mit der Frage, ob wohl wunk ein Wort des Deutschen sei. Die Eisenbahn war stehen geblieben, und Helene erblickte nichts als eine Rampe in der Sonne und dazu ein Kätzchen, das dort Platz genommen hatte. Ich bin die Kleine Nutte, sprach das Kätzchen, als Helene aus dem Zug trat. Dieser Traum ist noch nicht ausgeträumt, erwiderte Helene.
Komm, wir gehen. Ich soll dich abholen.
Wie kommt es, das du Kleine Nutte heißt?
Komischer Name, weiß ich schon. Er hat mich so getauft, der Anatol. Ich weiß nicht, was ihm dabei durch den Kopf ging. Egal. Ich bin damit zufrieden.
Die beiden traten in ein weites grünes Land. Helene liebte dieses Land. Ihr war, als seien ihre Geister hier gewesen.
Wo sind wir hier?
Mitten in der Pampa, versetzte das Kätzchen.
Und wohin gehen wir?
Zu uns. Zu mir und dir und meiner Mutter. Du wirst sehen, wir haben es dort schön.
Helene stellte keine Fragen mehr, so sagte dieses Kätzchen nur noch: Wir haben schon auf dich gewartet.
Null Ericsson
November 13, 2008
Die Therme – Bericht aus einer feuchten Gegend
Gegenüber auf dem Hügel liegt noch um die Mittagszeit das Schloss im Schatten. Er wird vielleicht um diese Stunde keine Sonne gebraucht haben, der König, eher ein Nachtmensch. Er wird geschlummert haben, selig dem ersten Glas des Tages entgegen. Für verrückt erklärt, zog er sich in einen der Türme zurück. Dort hat man ihn abgeholt, das haben wir im Kino gesehen. Was danach in Wirklichkeit geschah, bleibt ungewiss bis heute.
Das, wo wir uns befinden, in der prallen Sonne einer Terrasse an einem Spätsommertag, ist pflichtgemäß textilfreie Zone. Weiße Bademäntel werden abgestreift und wieder angezogen. Wir liegen ausgestreckt, wie uns das Leben geformt hat.
Das, wo wir uns ausstrecken, ist der erste Stock der Königlichen Kristalltherme von Schwangau. Hier herrscht gesunder Komfort unter Einschluß einer schattigen Raucherecke. Sprudelnde Bäder mit verschiedenem Solegehalt warten auf die Besucher. Bademeister bewegen sich mit der Lässigkeit der ersten Nachkriegsgeneration wie unter Beifall auf den nächsten Aufguss zu. Man reibt sich gegenseitig ein mit Salz. Man spritzt sich ab. Man flieht aus dem Dampfbad in einen aus Menthol gemachten Regen.
Wer aber lieber lauwarm badet, ist aus dem großen Solebecken nicht mehr zu vertreiben. Es beherbergt Küsse, die nach Tränen schmecken. Gestattet kleinste schwimmerische Übung, lässt unter Wasser offene Augen zu. Gibt den Blick frei auf die Flügel eines Falters oder die Blätter einer Rose, die sich, wie von einem sanften Wind berührt, bewegen.